Gebäudehülle · 8 min

Wann ist eine Gebäudethermografie sinnvoll? Wetter, Jahreszeit und Vorbereitung

Eine Gebäudethermografie liefert nur dann verwertbare Ergebnisse, wenn die Randbedingungen stimmen. Der Termin ist deshalb keine reine Kalenderfrage, sondern Teil des Messverfahrens. In Sachsen liegt das nutzbare Fenster zuverlässig zwischen November und März — und innerhalb des Tages in den Stunden vor Sonnenaufgang oder nach Einbruch der Dunkelheit.

Nächtliche Wärmebildaufnahme einer Mehrfamilienhausfassade mit deutlich wärmeren Fensteranschlüssen und Rollladenkästen

Warum der Zeitpunkt Teil des Messverfahrens ist

Eine Wärmebildkamera misst keine Dämmung. Sie misst die Strahlung, die eine Oberfläche abgibt, und rechnet daraus eine Oberflächentemperatur. Ein auswertbares Muster entsteht nur dann, wenn tatsächlich Wärme durch die Gebäudehülle nach außen fließt — und dieser Wärmestrom setzt einen Temperaturunterschied zwischen innen und außen voraus.

Fehlt dieser Unterschied, entsteht trotzdem ein buntes Bild. Es zeigt dann aber nicht die Qualität der Hülle, sondern nur, welche Fläche wie lange in der Sonne stand und wie schnell sie sich wieder abgekühlt hat. Genau hier entstehen die meisten Fehlinterpretationen: Eine Sommeraufnahme sieht aus wie eine Messung, ist aber keine.

Für die thermografische Untersuchung von Gebäuden gibt es einen normativen Rahmen. Maßgeblich ist DIN EN ISO 6781-1 in der Ausgabe November 2023, die die frühere DIN EN 13187 aus dem Jahr 1999 abgelöst hat. Sie regelt das Infrarotverfahren zum Auffinden von Wärme-, Luftströmungs- und Feuchteauffälligkeiten und macht Vorgaben zu Ausrüstung, Randbedingungen, Qualifikation der ausführenden Person und zum Inhalt der Dokumentation.

Die vier Randbedingungen im Einzelnen

Temperaturdifferenz: Der Bundesverband für Angewandte Thermografie nennt für Gebäudemessungen mindestens 15 Kelvin Unterschied zwischen innen und außen. Bei 20 °C Innentemperatur heißt das: höchstens etwa 5 °C draußen. Entscheidend ist, dass dieser Unterschied nicht nur im Moment der Aufnahme besteht, sondern über einen längeren Zeitraum stabil war — üblicherweise werden mindestens zwölf Stunden angesetzt. Bauteile sind träge; massives Mauerwerk und Beton brauchen deutlich länger als eine Leichtbaukonstruktion, bis sich ein stationärer Zustand einstellt.

Sonneneinstrahlung: Die letzte direkte Besonnung der Messfläche muss weit genug zurückliegen. Als Untergrenze gilt etwa eine Stunde, bei massiven Bauteilen mindestens drei Stunden. Verlässlich ist das nur vor Sonnenaufgang oder nach Einbruch der Dunkelheit. Unterschätzt wird dabei regelmäßig die Wintersonne: Sie steht tief und trifft Süd- und Westfassaden flach, aber über Stunden — eine Aufnahme am frühen Abend kann an genau diesen Seiten schon unbrauchbar sein, während die Nordseite längst auswertbar wäre.

Wind: Bewegte Luft kühlt die Oberfläche ab und gleicht dabei genau die Temperaturunterschiede aus, die gesucht werden. Üblich ist eine Obergrenze von rund 2 bis 3 Metern pro Sekunde. Bei einer Aufnahme aus der Luft gibt es damit zwei verschiedene Windgrenzen: die messtechnische und die des Fluggeräts. Die messtechnische ist die deutlich strengere — eine Drohne fliegt problemlos bei Wind, bei dem eine Thermografie nichts mehr aussagt.

Feuchtigkeit: Eine nasse Fassade kühlt durch Verdunstung ab, und zwar ungleichmäßig. Nach Regen oder Tauwetter muss die Oberfläche abtrocknen, bevor gemessen werden kann. Nebel, Sprühregen und Schneefall stören zusätzlich den Strahlungsweg zwischen Fassade und Kamera und machen die Aufnahme unbrauchbar.

Welcher Monat, welche Uhrzeit

Die Heizperiode wird üblicherweise mit Oktober bis April angegeben. Messtechnisch nutzbar ist davon in Sachsen vor allem der Kern von November bis März. Im Oktober und April sind die Nächte häufig zu mild, um 15 Kelvin Differenz über zwölf Stunden zu halten; einzelne Kältephasen sind möglich, aber nicht planbar.

Innerhalb des Tages ist das beste Fenster die letzte Stunde vor Sonnenaufgang bis kurz danach. Zu diesem Zeitpunkt sind die Bauteile am weitesten ausgekühlt, der Wärmestrom von innen nach außen ist am gleichmäßigsten und es gibt keinerlei Resteintrag aus Sonnenstrahlung. Das zweitbeste Fenster liegt ein bis zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit.

Bei der Wetterlage ist eine leicht bedeckte, windstille Nacht günstiger als eine sternenklare. Bei klarem Himmel geben Oberflächen zusätzlich Strahlung an den kalten Nachthimmel ab. Das betrifft geneigte Flächen und Dächer stärker als senkrechte Wände und kann Temperaturunterschiede erzeugen, die nichts mit der Konstruktion zu tun haben.

Praktisch bedeutet das: Ein Thermografietermin wird nicht acht Wochen im Voraus fixiert, sondern kurzfristig nach Wetterlage gelegt, mit einem vereinbarten Ausweichfenster. Wer den Termin früh fest einplant, nimmt in Kauf, dass am Stichtag die Bedingungen nicht passen.

Was bei der Aufnahme aus der Luft zusätzlich zählt

Die messtechnisch besten Zeitfenster liegen in der Dunkelheit — und damit stellt sich für die drohnengestützte Aufnahme eine zusätzliche Frage. Der Betrieb bei Nacht ist in der offenen Kategorie nach der EU-Durchführungsverordnung 2019/947 grundsätzlich zulässig, das unbemannte Luftfahrzeug muss dabei jedoch ein grünes Blinklicht führen, damit es vom Boden aus erkennbar und von bemannter Luftfahrt unterscheidbar ist.

Wichtiger als die Formalie ist die Vorbereitung vor Ort. Hindernisse, die tagsüber selbstverständlich sind — Spannleitungen zwischen Häusern, Antennenmasten, dünne Äste, Wäscheleinen über Innenhöfen — sind im Dunkeln kaum auszumachen. Wir sehen uns das Objekt und die Startfläche deshalb bei Tageslicht an, bevor die eigentliche Messung nachts stattfindet.

Auch die Kälte wirkt sich aus: Akkus geben bei niedrigen Temperaturen weniger Energie ab, die nutzbare Flugzeit je Akku sinkt und die Zahl der Wechsel steigt. Für die Terminplanung heißt das schlicht, mehr Zeit vor Ort einzurechnen als bei einer Sommerbefliegung.

Der Aufwand lohnt sich, weil aus der Luft jede Fläche annähernd senkrecht erfasst wird. Vom Boden aus blickt die Kamera auf obere Geschosse in einem sehr flachen Winkel, was den wirksamen Emissionsgrad verändert und die gemessene Temperatur verfälscht. Genau die Bereiche, die am schwersten zugänglich sind — Attika, Traufe, Dachanschluss, obere Fensterreihen — werden vom Boden aus am unzuverlässigsten erfasst.

Wie Sie das Gebäude auf die Messung vorbereiten

Die Vorbereitung entscheidet mit darüber, ob aus der Aufnahme ein verwertbarer Befund wird. Zwölf bis vierundzwanzig Stunden vor dem Termin sollte das Gebäude in einem normalen, gleichmäßigen Betriebszustand sein: alle Einheiten beheizt auf etwa 20 °C, auch leerstehende. Eine unbeheizte Wohnung erzeugt im Wärmebild eine kalte Fläche, die von außen kaum von einem großflächigen Dämmfehler zu unterscheiden ist.

Fenster bleiben geschlossen, gelüftet wird nicht unmittelbar vor der Messung. Rollläden und Außenjalousien sollten in ihrer gewohnten Stellung sein: Ein geschlossener Rollladen verdeckt das Fenster vollständig, ein offener macht dafür den Rollladenkasten beurteilbar — der zu den häufigsten und zugleich am einfachsten behebbaren Schwachstellen zählt. Wichtig ist vor allem, dass die Stellung im gesamten Gebäude einheitlich ist, sonst sind die Fassadenseiten nicht miteinander vergleichbar.

Organisatorisch braucht es wenig, aber es sollte geklärt sein: eine Information an die Bewohner, weil eine Drohne im Dunkeln sonst erklärungsbedürftig ist; Zugang zu Innenhöfen und Rückseiten einschließlich der nötigen Schlüssel; eine freie Startfläche; und, falls ergänzende Innenaufnahmen gewünscht sind, der Zugang zu den betreffenden Wohnungen.

Am wertvollsten ist eine kurze Liste der bekannten Beschwerdestellen. Wo klagen Mieter über Zugluft, wo ist Schimmel aufgetreten, wo gab es Wasserschäden? Diese Punkte fliegen wir gezielt zusätzlich an. Ein Befund an einer Stelle, zu der bereits eine Beschwerde vorliegt, ist im Gespräch mit Eigentümern oder Mietern deutlich mehr wert als ein Befund ohne Vorgeschichte.

Woran Termine in der Praxis scheitern

Die vier häufigsten Gründe sind immer dieselben. Erstens eine milde Wetterphase, in der die Temperaturdifferenz unter die 15 Kelvin fällt — in Sachsen kommt das auch mitten im Januar vor. Zweitens Leerstand oder abgesenkte Heizung in einzelnen Einheiten, was zu Fehlbefunden führt. Drittens eine Fassade, die nach Regen oder Tauwetter noch nicht abgetrocknet ist. Viertens ein zu früh angesetzter Abendtermin, bei dem die Süd- und Westseite noch Wärme aus der Nachmittagssonne trägt.

Keiner dieser Punkte ist ein Argument gegen das Verfahren — sie sind ein Argument für kurzfristige Terminierung. Wir legen den Termin deshalb wenige Tage im Voraus fest und vereinbaren von vornherein ein Ausweichfenster, statt einen Termin durchzuziehen, dessen Ergebnis hinterher niemand verwenden kann.

Wann Thermografie nicht das richtige Mittel ist

Nicht jede Frage an der Gebäudehülle ist eine thermografische. Geht es um sichtbare Schäden — verschobene Ziegel, Risse im Putz, korrodierte Bleche, schadhafte Anschlüsse, verstopfte Rinnen —, ist die visuelle Zustandsaufnahme das passende und zudem ganzjährig verfügbare Verfahren. Sie ist nicht an Heizperiode, Uhrzeit und Wetterfenster gebunden.

Soll die Luftdichtheit eines Gebäudes nicht nur lokalisiert, sondern als Zahl bestimmt werden, ist der Blower-Door-Test das richtige Verfahren. Beide ergänzen sich: Der Test liefert den Kennwert für das gesamte Gebäude, die Thermografie zeigt, an welchen Stellen die Leckagen sitzen.

Und die Dämmstärke selbst lässt sich aus einem Wärmebild nicht ablesen. Es zeigt, wo Dämmung fehlt, unterbrochen oder durchfeuchtet ist — wie dick sie an den intakten Stellen ist, klärt der Blick in die Bauunterlagen oder eine Bauteilöffnung.

Was am Ende vorliegt

Ein brauchbarer Bericht enthält zu jeder untersuchten Fläche ein Thermogramm und ein Realbild in derselben Perspektive, dazu die dokumentierten Randbedingungen: Innen- und Außentemperatur, Uhrzeit, Bewölkung, Windverhältnisse, Zeitpunkt der letzten Besonnung. Diese Angaben sind kein Beiwerk, sondern Teil des Ergebnisses — ohne sie lässt sich ein Wärmebild weder nachprüfen noch mit einer späteren Messung vergleichen.

Werden dieselben Aufnahmepositionen bei einer Folgemessung erneut angeflogen und die Randbedingungen sind dokumentiert, entsteht daraus eine belastbare Aussage über die Wirkung einer Sanierungsmaßnahme. Genau das ist der Punkt, an dem eine Thermografie über die reine Momentaufnahme hinauswächst.

Weiterführend

Häufige Fragen

Kann eine Gebäudethermografie im Sommer durchgeführt werden?

Nicht mit verwertbarem Ergebnis. Ohne ausreichende Temperaturdifferenz zwischen innen und außen fließt keine Wärme durch die Hülle, und das Bild zeigt lediglich die Besonnungsgeschichte der Fassade. Rein visuelle Fragestellungen lassen sich dagegen ganzjährig bearbeiten.

Wie kalt muss es draußen sein?

Als Richtwert gelten mindestens 15 Kelvin Unterschied zwischen innen und außen, bei 20 °C Innentemperatur also höchstens etwa 5 °C draußen. Wichtig ist, dass dieser Unterschied über mindestens zwölf Stunden stabil bestanden hat und nicht erst kurz vor der Messung eingetreten ist.

Muss meine Wohnung für die Messung betreten werden?

Für die Aufnahme von außen nicht. Erforderlich ist nur, dass normal geheizt und die Fenster geschlossen sind. Ein Zugang zu einzelnen Räumen wird ausschließlich dann nötig, wenn ergänzende Innenaufnahmen ausdrücklich beauftragt sind.

Wie kurzfristig wird der Termin festgelegt?

In der Regel wenige Tage im Voraus, sobald die Wetterlage absehbar ist, mit einem vorab vereinbarten Ausweichfenster. Ein Termin, der Wochen vorher fixiert wird, trifft die notwendigen Randbedingungen eher zufällig.

Darf die Drohne im Dunkeln fliegen?

Ja. Der Betrieb bei Nacht ist in der offenen Kategorie zulässig, das Fluggerät muss dabei ein grünes Blinklicht führen. Die Umgebung sehen wir uns vorher bei Tageslicht an, weil Leitungen, Masten und Äste im Dunkeln schlecht erkennbar sind.

Was passiert, wenn einzelne Wohnungen leer stehen?

Leerstehende Einheiten sollten für den Zeitraum mitbeheizt werden. Ist das nicht möglich, halten wir im Bericht fest, welche Bereiche betroffen sind, damit die kalte Fläche nicht als Dämmfehler fehlgedeutet wird.

Quellen

Passende Leistung: Thermografie aus der Luft

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